So stand es in der Presse

Tagespiegel, Berlin
Berliner Zeitung, Berlin

Papiertiger hilft Faultier

aus:

Tagesspiegel (Berlin) vom 16.04.02,

von Christian Domnitz

Ordnung ist ein psychologisches Problem: Bürokratie und Formalien sind keine Dinge, mit denen sich zu beschäftigen man in der Freizeit große Lust hätte. Und manche sind nicht zum Papiertiger geboren, sondern zum Faultier.

Man könnte es auch so sagen: Es gibt zwei Sorten von Schreibtischbesitzern. Beide sind unglücklich und jede beneidet die andere. Schreibtisch-Vollstapler beneiden die Schreibtisch-Aufräumer um Ordnung auf dem Tisch - und womöglich auch um Ordnung im Kopf. Und die Aufräumer beneiden die - ihrer Meinung nach sorgenfreien - Vollstapler um die durchs Nicht-Aufräumen gewonnene Zeit.

Doch wachsende Unordnung kann zum handfesten Problem werden: Je größer die Stapel werden, desto geringer wird die Motivation des Staplers, sie abzuarbeiten. Und desto größer werden die Stapel. Hier setzt Christa Beer an. Ihr Service bietet den Ausweg aus der Falle, in die so mancher ahnungslose Schnell-Weg-Leger tappt.

"Ich habe immer alles fröhlich irgendwo hingelegt", sagt Harfert. Lohnzettel, Rentenbescheinigung, Einkommensteuerbescheide. Jetzt spricht er von "körperlichem Unwohlsein", das allein dann komme, wenn er an seinen Schreibtisch denkt. Das Einschlafen würde zur Qual, das Selbstbewusstsein leide, die Energie schwinde, die Freundin sei genervt. Vor einem Jahr habe ihm ein Freund, ein Betriebswirt, gesagt: "Los, zwei Stunden, und wir machen das zusammen." Harfert wollte es aber alleine tun. Und tat es dann gar nicht. Als er dann die Werbung von Christa Beer fand, hat er sich "erkannt gefühlt". Zweimal rief er an, Beer kam zu einem Vorgespräch vorbei, dann war der Handel perfekt.

Seit einem halben Jahr fährt die 53-jährige mit einem VW-Bus durch die Stadt, im Laderaum Pappkartons und an der Seitenwand Werbung: "Wir schaffen Ordnung mit System". Christa Beer arbeitete vorher im Umweltamt Spandau und in einem Ingenieurbüro. Überall verfeinerte sie die Dokumentenablage, bis sie sich entschloss, genau das zu ihrem Beruf zu machen. Mit ihrem Sortierservice nimmt sie am diesjährigen Businessplan-Wettbewerb für Existenzgründer teil.

Die ausgebildete Agrarökonomin sagt von sich, auch sie selbst sei einmal unordentlich gewesen. Einmal, lange ist es her, hätte sie beinahe einen Flug verpasst, weil sie das Ticket nicht finden konnte. Zurzeit arbeitet sie jedoch ordentlich, und mit System: Auf ihrem Schreibtisch liegt eine Mappe mit den Fächern "Erledigen", "Ablegen" und "im Auge behalten". "Den gehe ich jeden Tag einmal durch", sagt sie. Sie sehe das pragmatisch, sagt Beer. Wer Ordnung habe, brauche weniger suchen.

Ihre Kunden pflegen oft eine Hassliebe zu ihrer Un-Ordnung. Wenn der Aktenwust endlich in den Kisten verschwindet, sagt Beer, seien die meisten trotzdem froh. Nicht so Harfert: Er kratzt sich am Kopf. "Die Sachen fehlen mir schon", sagt er und guckt den Kisten hinterher.

Wichtiges kommt in den "Ich-Ordner"

aus:

Berliner Zeitung vom 26.03.2002

von Alexander Schäfer

Einmal gebucht - nie mehr gesucht: Christa Beer bringt das Leben ihrer Kunden ins Lot - mit ihrem Sortier- und Aufräumservice Ordnung ist unkreativ. Von diesem Satz machen unordentliche Menschen ordentlich Gebrauch. So wird der Stapel loser Blätter auf, unter und neben dem Schreibtisch immer unübersichtlicher. Schlechtes Gewissen kommt erst auf, wenn der Chef nach einem bearbeiteten Dokument fragt. Nach hektischer Suche findet man schließlich das vergilbte Blatt mit dem Vermerk "dringend bearbeiten".

Bei solchen Problemen verspricht Christa Beers Aufräum- und Sortierservice professionelle Abhilfe. "Jeder kann Ordnung lernen - ich helfe bei den ersten Schritten", sagt sie. Der allererste Schritt ist ein kostenloses Orientierungsgespräch beim Kunden. Dabei werden die Unterlagen gesichtet. Auch auf Sonderwünsche geht Beer ein; manche ihrer Kunden bevorzugen farblich gekennzeichnete Register. Bei dem ersten Gespräch sei neben Sympathie vor allem "das gegenseitige Vertrauen sehr wichtig". Schließlich blättert Beer später in vertraulichen Dokumenten oder Rechnungen. Wenn das Vertrauen vorhanden ist, werden alle Papiere in eine Transportbox gepackt. Das eigentliche Sortieren beginnt in Beers Wohnung in Friedrichshain.

Die drei Zimmer in der Dolziger Straße machen ein schlechtes Gewissen: Alles übersichtlich aufgeräumt, das Parkett reflektierend sauber; kein Staubkorn, nirgends. Von dem großen Stapel aus ihrer Transportbox wird jedes Blatt in Ablagefächer vorsortiert. Nach nochmaligem Sortieren werden die Dokumente beispielsweise in die Ordner "Auto", Beruf", "Versicherung" oder "Bedienungsanleitung" abgeheftet.

Der Ordner "Haushalt" ist in die Fächer "Mietverträge", "Bewag", Telefon" "GEZ", oder "Gesundheit" eingeteilt. Letzterer Unterordner enthält bei Bedarf die Rubriken "Homöopathie", Zahnarzt" oder "Orthopädie". Neben dieser Aufteilung empfiehlt sie jedem Kunden einen zusätzlichen "Ich-Ordner", in dem nur die persönlichsten Dinge Platz finden. "Da hat man schnell das Wichtigste zur Hand, falls es brennt". In Beers eigenem "Ich-Ordner" sind Tagebücher, Zeugnisse und Andenken enthalten. Auch eine CD-Rom findet sich hier, auf der Beers Ordnungssystem digital gespeichert ist.

Als Schlüsselerlebnis für ihre Ordnungsliebe nennt die ausgebildete Krankenschwester und Agrar-Ingenieurin einen Tag in den 80er-Jahren. Drei Stunden vor ihrem Abflug in den Senegal konnte sie ihr Ticket nicht finden. "Das sollte mir nicht mehr passieren." Seit gut einem halben Jahr existiert ihr Aufräum- und Sortierservice. Zielgruppe sind mittelständische Unternehmen oder Privatpersonen.

"Anfangs lief das Geschäft schleppend", gibt die 52-Jährige zu. Mittlerweile könne sie aber davon leben. Ihre Kunden erhält sie vor allem über Mund-zu-Mund- Propaganda.

Am Ende der Sortiererei hat sie mehr als die Hälfte der Dokumente in die Ablage "k.w." eingeordnet. Die beiden Buchstaben stehen für "kann weg". Natürlich darf sie selber nichts wegwerfen, bevor der Kunde es veranlasst. Erst dann übernimmt der Schredder die letzten Arbeitsschritte

 

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